Bier auf Wein – das lass sein?
Das bekannte Sprichwort „Bier auf Wein, das lass sein; Wein auf Bier, das rat ich dir“ begleitet viele seit der Jugend und wird gerne als Ratschlag weitergegeben. Wissenschaftlich betrachtet ist jedoch wenig dran. Die Reihenfolge der Getränke hat keinen Einfluss auf das Wohlbefinden am nächsten Tag. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Alkohol konsumiert wurde, und nicht, in welcher Abfolge.
Historisch betrachtet hatte der Spruch ursprünglich keinen medizinischen Hintergrund, sondern einen sozialen. In früheren Jahrhunderten galt Bier als Getränk der einfachen Leute, während Wein teurer und prestigeträchtiger war. Wer also nach Bier zu Wein griff, zeigte gesellschaftlichen Aufstieg. Umgekehrt galt die Reihenfolge als Abstieg in eine tiefere Schicht. Der Spruch war somit weniger eine Warnung vor Kopfschmerzen als eine Bemerkung über soziale Stellung und Anstand.




Vom Trinken zum Trinkgeld
Linguistisch zeigt das Wort „trinken“ eine erstaunliche Vielfalt. Es geht auf das althochdeutsche trinkan zurück, das wiederum im Schweizerdeutschen in zahlreichen regionalen Varianten überlebt hat. Je nach Gegend hört man trinkche, tringge, triiche, triihe oder treiche. Diese Formen spiegeln den Reichtum der Dialektlandschaft wider und zeigen, wie Lautwandel im Laufe der Zeit wirkt.
Das Staubsche Gesetz, nach dem das n vor einem Frikativ – also einem „Hauchlaut“ wie ch – getilgt wird, erklärt einige dieser Varianten. So wurden aus trinkan Formen wie triiche oder triihe. Ähnliche Veränderungen finden sich auch bei Wörtern wie denken, stinken oder schenken. Besonders spannend ist, dass sich solche Unterschiede noch heute regional klar erkennen lassen: Das treiche war etwa im Emmental verbreitet, während im Wallis und im östlichen Berner Oberland zunehmend triiche dominiert.
Auch das Wort Trinkgeld hat seinen Ursprung genau dort. Ursprünglich war es tatsächlich ein „Geld zum Trinken“ – ein kleines Dankeschön für geleistete Dienste, oft mit dem stillen Hinweis, sich davon ein Getränk zu gönnen. Der deutsche Schriftsteller Adolph Freiherr von Knigge empfahl schon 1788, auf Reisen nicht zu sparsam mit Trinkgeldern zu sein, da ein guter Umgangston und ein kleines Entgegenkommen oft Türen öffneten.
Wandel und Vielfalt
Betrachtet man die heutigen Dialektkarten, zeigt sich, dass die Vielfalt im Rückgang begriffen ist, auch wenn sie regional unterschiedlich lange fortbesteht. Besonders im Bündnerland und im Emmental sind ältere Formen seltener geworden, während Varianten wie triiche im Wallis oder im Berner Oberland überlebt haben. Sprache verändert sich stetig und spiegelt gesellschaftliche wie regionale Entwicklungen wider.
So führt das einfache Thema „Bier auf Wein“ auf eine spannende Reise durch Sprachgeschichte, Dialektforschung und Alltagskultur – von alten Sprüchen bis zu lebendigen Sprachformen, die unseren Alltag bis heute prägen.
Quelle: https://dialektatlas.ch/
